Textilien nachhaltig beschaffen: kein Ding der Unmöglichkeit!
4. Dezember 2024

Textilien gehören zu den komplexesten Beschaffungskategorien der öffentlichen Hand: Lange Lieferketten, vielfältige Fasermaterialien, zahlreiche Labels und hohe soziale sowie ökologische Risiken machen nachhaltige Ausschreibungen anspruchsvoll – aber nicht unmöglich.
Wo liegen die Nachhaltigkeits-Hotspots?
Die grössten Risiken konzentrieren sich auf die Lieferkette: Verstösse gegen ILO-Kernarbeitsnormen (Kinderarbeit, fehlende Arbeitssicherheit, ungenügende Löhne) sowie Umweltbelastungen durch Chemikalieneinsatz in Produktion und Färbung. Transparenz der Lieferkette ist deshalb eine zentrale Forderung. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung von Kreislaufwirtschaft: Rücknahmesysteme, Recyclingfasern und kreislauffähige Materialien werden zunehmend zu relevanten Anforderungen.
Tipps für die Praxis
Vor der Ausschreibung:
- Genügend Zeit für Bedarfs- und Marktabklärung einplanen – ein Marktgespräch lohnt sich
- Hotspot-Analyse durchführen: Welche Fasern dominieren? Welche sozialen und ökologischen Risiken sind relevant?
- Sortiment kritisch hinterfragen: Lässt sich ein abteilungsübergreifendes Sortiment etablieren? Mieten statt Kaufen als Option prüfen
Bei der Kriteriendefinition:
- Kriterien zuerst inhaltlich definieren, dann geeignete Labels und Nachweise bestimmen – nicht umgekehrt
- Zuschlagskriterien für Nachhaltigkeit mit aussagekräftiger Gewichtung versehen (Stadt Bern: 20%, Stadt Zürich: 25–35%)
- Konkrete, messbare Anforderungen formulieren – z.B. Mindestanteil von 20% Biobaumwolle oder 20% Recyclatgehalt bei Polyesterprodukten
- Lieferkette offenlegen lassen: Übersicht wichtigste Unterlieferanten einfordern
- Kreislaufwirtschaft einbeziehen: Rücknahmesystem und Aktionsplan vom Anbieter verlangen
Bei der Bewertung:
- Qualitätstests (Tragetest, Waschzyklen) nicht vergessen – Nachhaltigkeit und Qualität gehen Hand in Hand
- Stichproben und Audits vertraglich festhalten
Quick Wins jenseits der Kriterien:
- Auf aufgenähte Logos verzichten (erleichtert Recycling und Wiederverwendung)
- Farbunterschiede durch Waschprozesse akzeptieren
- Reparieren und Langlebigkeit gegenüber häufiger Neubeschaffung bevorzugen
- Innovationsvarianten der Anbieter zulassen
Ein ermutigendes Ergebnis
Die Ausschreibung der Stadt Bern zeigt: Strengere Nachhaltigkeitskriterien müssen nicht teurer sein. Der neue, nachhaltigere Lieferant bot tiefere Einkaufspreise als der bisherige – auch wenn Angebote ohne Nachhaltigkeitserfüllung noch günstiger lagen. Von fünf eingegangenen Angeboten mussten vier wegen Nichteinhaltung von Nachhaltigkeitskriterien ausgeschlossen werden. Der Aufwand lohnt sich also.
Hilfreiche Links und Ressourcen
- Merkblatt Bekleidung und Textilien der Toolbox Nachhaltige Beschaffung Schweiz
- Nachhaltigkeitsstandard der Stadt Zürich für die Beschaffung von Textilien
- Swiss Textiles / Swiss Fair Trade: Baukasten für nachhaltige Textilausschreibungen (in Erarbeitung): swisstextiles.ch
- Sustainable Textiles Switzerland 2030: Brancheninitiative mit Partnern wie Swiss Textiles, amfori, Swiss Fair Trade, SECO und BAFU
- Labelinfo.ch: Unabhängige Bewertungsplattform für Nachhaltigkeitslabels – hilfreich zur Einschätzung relevanter Zertifizierungen (GOTS, Fairtrade, Blauer Engel, bluesign, GRS u.v.m.)
- EU-Textilinformationen (EURATEX): Überblick über 16 relevante EU-Gesetzgebungen für die Textilbranche (Ökodesign, Corporate Sustainability Due Diligence, Mikroplastik, PFAS u.a.)
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